Kurt Welsch: Sepp Herberger rettete ihm das Leben*

Kurt Welsch (rechts) auf Länderspielreise 1937 (Foto: Nachlass Kurt Welsch/Vereinsarchiv)

Heute vor dreißig Jahren, am 14. Oktober 1981, starb Kurt Welsch. Der gebürtige Neunkircher bestritt 1937 als erster Spieler der Borussia ein Länderspiel für die deutsche Nationalmannschaft. 1942 rettete ihm Reichstrainer Sepp Herberger das Leben.

"Herzlich Willkommen in der Heimat!" Als Kurt Welsch (1917-1981) im Februar 1942 den Brief aus Berlin in den Händen hält, ist er von Neunkirchen noch weit entfernt. Mit einem LKW ist er von der Front nahe Sankt Petersburg nach Riga gebracht worden. Hier hatte der Fußballer Welsch, als damals 20-jähriger Verteidiger von Borussia Neunkirchen, am 25. Juni 1937 gegen Lettland (3:1) sein erstes und einziges Länderspiel bestritten.

Brief von Kurt Welsch an Sepp Herberger v. 9. März 1942 (Sepp-Herberger-Archiv)

Brief von Kurt Welsch an Sepp Herberger v. 9. März 1942 (Sepp-Herberger-Archiv)

Im Januar 1937 war Welsch erstmals zu einem Nachwuchslehrgang der Nationalmannschaft eingeladen worden. Reichstrainer Sepp Herberger war angetan. Beim zweiten Lehrgang im März sah er in ihm "mit Abstand" (Herberger an Otto Nerz, 12. 4. 1937) den besten Verteidiger. Es folgte am 8. Mai ein Testspiel gegen Manchester City (1:1) in Wuppertal. Welsch lieferte ein überragendes Spiel. Er "überraschte mit einer solch reifen, abgerundeten und hochwertigen Leistung, daß er mit zu den markantesten Spielern dieses Treffens zählte", hieß es in einem Pressebericht. In seinem berühmten Notizbuch begann Herberger die Aufzählung der Spieler, die sich "bewährt" hatten, mit dem Namen des Neunkirchers. In Lettland setzte er Welsch erstmals in einem Länderspiel ein.

Jetzt, 1942, im Krieg, ist Riga nur eine kurze Zwischenstation. Von da aus führt Welschs Weg nach Przasnysz, dem damaligen Praschnitz in Ostpreußen. Der Unteroffizier Welsch wird fortan dem örtlichen Ersatztruppenteil angehören. Hier ist er in Sicherheit. Und erhält den eingangs erwähnten Brief. Der Absender: Josef Herberger, Berlin W 35, Bülowstrasse 89.

Absender: Josef Herberger, Berlin W 35, Bülowstrasse 89

"Da der Nationalmannschafts-Spielerkreis in den letzten Wochen durch Abstellungen an die Front sehr klein geworden ist", schreibt Herberger, "haben wir erreicht, dass als Ersatz für diese Abgänge eine kleine Zahl Spitzen- und Nachwuchsspieler, die sich bisher an der Front bewährt haben, zurückberufen werden." Was Kurt Welsch nicht ahnen kann: Das ist nur die offizielle Version.

Ende Juni 1941 hat der deutsche Russlandfeldzug begonnen. Bis dahin hatten Spitzensportler als Soldaten einen besonderen Schutz genossen. Nun gilt die Parole: "Ein guter Sportler ist auch ein guter Soldat." Herberger ist besorgt um "seine" Nationalspieler an der Front. Als er im Dezember 1941 erfährt, dass die Reichssportführung mit dem Militär über die Freistellung von Wintersportlern zu Wettkämpfen verhandelt, sieht er seine Chance zur "Aktion Heldenklau" (Jürgen Leinemann) gekommen.

Welsch und die "Aktion Heldenklau"

Herberger behauptet, nicht genügend Spieler zur Verfügung zu haben, bittet um Rückversetzung und "Sonderurlaub für einen Teil derjenigen Nationalspieler, die sich bisher im Fronteinsatz bewährt und ausgezeichnet haben". Dem Schreiben fügt er eine Liste mit Namen von Spielern bei. Kurt Welsch steht an vierter Stelle. Handschriftlich ergänzte Herberger bei ihm die Auszeichnung "EK II" (Eisernes Kreuz 2. Klasse), um nachzuweisen, dass sich der Fußballer Welsch, Schreiber seiner Kompanie, als Soldat bewährt hat. Tatsächlich hat Welsch diese Auszeichnung nie bekommen. Aber Herberger kommt damit durch.

Nach seiner Ankunft in Ostpreußen darf Welsch einen Heimaturlaub antreten. Nach fünf Jahren zählt er, so Herberger, "nun wieder aktiv zum Kreis der Nationalmannschaft". Auf den Urlaub folgen ein dreiwöchiger DFB-Lehrgang und ein Länderspiel gegen Spanien (1:1), mit Welsch als Ersatzspieler. Dass ihm Sepp Herberger mit seiner Aktion letztlich das Leben rettete, war Welsch stets bewusst: "Es kommt mich heute noch märchenhaft vor, dass ich durch diese Massnahme aus der 'kalten Zone' herausgekommen bin", schreibt er am 2. März 1968 in einem Brief an Herberger. TOBIAS FUCHS

Neunkirchen, den 14. Oktober 2011

Foto (oben): Kurt Welsch (rechts) auf Länderspielreise in Lettland (Foto: Nachlass Kurt Welsch/Vereinsarchiv)

* Wir danken dem Sepp-Herberger-Archiv beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), Frankfurt/Main. 

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news1 - 12.03.2010

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